Als ich das Buch „Missionen“ zum ersten Mal in den Händen hielt, war der Grund dafür ein professioneller: Der Autor Sebastian Gronbach ist ein Protagonist in meinem neusten Dokumentarfilm über Anthroposophen… Im Laufe der Dreharbeiten begann er mich als Mensch mit seinem Gedankenuniversum immer mehr zu interessieren, und ich las seine Worte mit ganz anderen Augen.Gronbach provoziert.
Auf über 200 Seiten schafft er es, fast alle heissen Eisen unserer Zeit anzusprechen.
Gronbach ist Anthroposoph.
Doch er nimmt kein Blatt vor den Mund, übt neben seiner Bewunderung für Rudolf Steiner schonungslos Kritik an der Anthroposophie und fordert vehement einen neuen, postmodernen Zugang zum Erbe Steiners.
Gronbach ist ein freier Geist.
Ohne Rücksicht auf bestehende Institutionen schreibt er unabhängig und direkt, was er meint, und fühlt sich niemandem ausser sich selbst verpflichtet.
Gronbach ist ehrlich.
Seine Worte sind nicht theoretisch abgehoben, sondern haben immer mit seinem Leben, seinen Träumen und Brüchen, seinen Phantasien und Abgründen zu tun. Das macht ihn zwar verletzlich, zugleich aber glaubwürdig und echt.
Gronbach meditiert.
Er fordert, spirituelle Erfahrungen nicht mehr nur im stillen Kämmerlein zu machen, sondern darüber gemeinsam mit Freunden einen Austausch zu pflegen. Er erweitert seine spirituelle Dimension, bezieht nicht nur Rudolf Steiner, sondern auch andere esoterische Richtungen, wie zum Beispiel die von Ken Wilber oder Ruediger Dahlke, mit ein.
Neben vielen Aussagen Gronbachs blieben mir einige ganz besonders in Erinnerung:
Waldorfschulen sind Einrichtungen, die sich entschieden haben, dass eigene Kreativität höher zu bewerten ist als passiver TV-Konsum;(…) es sind Schulen, die sich entschieden haben, dass alle menschliche Entwicklung darauf abzielt, freier, autonomer und individueller zu werden, und nicht darauf, ein neues System von Unterdrückungen, welcher Art auch immer, zu fördern.
Wir verbergen unsere Schatten, wenn wir uns abends über amerikanische Kriege echauffieren und am nächsten Morgen als Waldorflehrer begeistert von der Kriegslist der Griechen schwärmen, Ritterkämpfe veranstalten, Alexander den Grossen als Helden feiern und Sankt Michael besingen.
Solange wir nicht auf unsere Unterwelt schauen, wird uns der Dreck dieser Unterwelt von anderen unter die Nase gerieben. So einfach ist das. Einfach ist auch der Grund, warum wir nicht auf unsere Unterwelt schauen wollen: weil wir Steiner und die Anthroposophie lieben und meinen, wir würden sie beschmutzen oder verwässern, wenn wir kritisch analysieren, was wir lieben.( …)
Wer seine Fehler und Wunden öffentlich zeigt, gewinnt an Stärke und potenziert seine Authentizität – nichts wirkt selbstbewusster als ein lässiger und präziser Blick auf die eigenen Makel.
Gronbach lässt mich als Leser nicht in Ruhe.
Immer wieder richtet er seine Worte direkt an mich, steht mir auf den Füssen, kritisiert mich an meinen wunden Punkten: Die Vehemenz, mit der das grüne Lager die weitestgehend grossartigen Erscheinungen des kapitalistischen Systems verteufelt, welches sie erst kritikfähig gemacht hat, ist absurd (weil sie ohne dieses System nämlich nichts Vernünftiges zu fressen hätten, keine Heizung, keine Universität, unzählige eklige Krankheiten, Totgeburten als Massenphänomen und faulige Zähne mit Mundgeruch statt leckere Küsse).
Schliesslich spricht er mich als Leser am Schluss des Buches ganz direkt an:
Ich, Sebastian, brauche Ihre Aufmerksamkeit – mein Leben baut darauf auf, dass wir diese seltsame Beziehung haben, aber mein Leben baut nicht darauf auf, dass Sie mich toll oder ätzend finden. Das überlasse ich Ihnen – jetzt sind Sie dran.
Meine Empfehlung: Unbedingt lesen.
Christian Labhart
Der text erschien zuerst in den Mitteilungen der Rudolf Steiner Schule Zürcher Oberland.

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen