Samstag, 23. August 2008

Neo-Anthroposophie

Lieber Sebastian!

bevor ich Deine „Missionen“ nun ins Regal stelle, möchte ich Dir (und vielleicht anderen) ein wenig berichten von meiner Lektüre.

Erster, langanhaltender Eindruck: Du erzählst persönlich Erlebtes, und das so konkret und anschaulich, dass es zum Bild und damit für Überpersönliches durchsichtig wird. Das gelingt Dir, wenn Du von inneren Entscheidungskämpfen berichtest, sei es beim Schlaganfall Deines Vaters oder auf der Schultoilette, und ebenso, wenn Du von anderen Menschen sprichst, von Kassierern in Pornokinos zum Beispiel oder von Walter Kugler.

Für manchen mag es gewöhnungsbedürftig sein, dass Du so intim von Dir selbst sprichst, aber weil es immer um was geht, macht das nichts. Und außerdem benennst Du ja alles, woran man Anstoß nehmen könnte, auf Deinem postmodernen blauen Sofa selbst: Deinen Hochmut, Dein Bedürfnis nach Anerkennung und das Drama des Narzissmus.


So wird die hinter dem persönlichen Bericht stehende Frage richtig prall greifbar: wie stehe ich eigentlich zwischen Doppelgänger bzw. Ego und höherem Selbst bzw. Gott? Es ist ein Grenzgang, den Dein Buch nicht nur beredet, sondern auch wirklich vollzieht, am Geländer der fortwährenden Selbstreflexion. Manchmal finde ich, es stürzt dennoch ab, aber ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich mir nicht ganz sicher bin, wer hier eigentlich seinem Doppelgänger freien Lauf lässt: Du oder ich?

Du weitest das Thema dann aus, wagst Dich an den kollektiven Doppelgänger der Anthroposophen oder die Entmythologisierung des Erzengels Michael. „Die Erzengel, die Widersachermächte Luzifer und Ahriman, die Elementarwesen, am Ende auch Christus …, das alles sind Steiners geniale und poetische Beschreibungen spezifischer Formen und Zustände der menschlichen Innenwelt. ... Aber am Ende bin alles nur ich und in mir ist alles. ... Es gibt keine geistige Welt, wenn wir sie nicht erbilden.“ (S. 97f) Interessant. Nachdenkenswert. Du meinst, dass es alles, was so ein herkömmlicher Anthroposoph für Wesen hält, gar nicht gibt? Dass alles nur Du ist? Ja, das meinst Du wohl.


Du entfaltest Deinen Standpunkt in Ich-Sprache - denn die rationale Es-Sprache liegt Dir nicht, wie Du selber findest – , also nicht gerade diskursiv, dafür aber unverkennbar authentisch. Und darum geht es Dir ja zu allererst. Du möchtest auf dem Gebiet der Spiritualität authentisch sein, und Du möchtest, dass Anthroposophie selber ebenso authentisch wird. Dass der Inhalt einer solchen authentischen Anthroposophie manchmal vielleicht etwas flach daher kommt, gibst Du wiederum selber zu. Anregend ist es trotzdem.

Dann kommt die Geschichte Deiner Erleuchtung. Die brauchst Du als Begründung für all das Belehrende und Abstrakte, was auf den letzten 70 Seiten immer mehr wird, sozusagen als Authentizitätsnachweis, der im Text nun leider nicht mehr so unmittelbar wie vorher enthalten ist. Jetzt kommt nämlich das „Super-Maximal-Bewußtsein“. Auch wenn immer wieder vom Gleichgewicht zwischen Aufstieg (vom Irdischen ins Geistige) und Abstieg (mit neuen Impulsen wieder auf die Erde) die Rede ist – jetzt schlägst Du Dich wohl doch auf die Seite des Aufstieges. Und an dessen Ende steht das große, leere All-Eins. Hat da im Verlauf des Buches eine Kehre stattgefunden?


Jedenfalls machst Du aus dieser Perspektive nun reinen Tisch: Christus wird als Mythos entlarvt und ist überhaupt nur in mir und sonst nirgends, der Reinkarnationsgedanke in seiner individuellen Form fördert das Ego, und eigentlich möchtest Du, mit Ken Wilber im Rücken, die ganze Anthroposophie verbrennen, um aus den Flammen neues Licht und neue Kraft zu gewinnen. Nur den Steiner des 19. Jahrhunderts lässt Du gelten.

Dabei verlierst Du für meinen Geschmack jedoch die absolute Natur des Denkens (nicht des Gedachten!) bzw. der Sinnhaftigkeit der Welt, an der das Individuum zwar teilhat, sie aber nicht alleine ist, völlig aus dem Auge. Und das, so scheint mir, öffnet die Hintertür, durch die das Ego dann doch wieder hineinmarschiert. Schon klar, Du möchtest uns aus unserem Geschöpfsein erlösen und uns zum Schöpfer machen. Aber muss man dafür die Anthroposophie auf den Weltanschauungsgehalt von „Matrix“ mit seinem Helden Neo, den Du gern zitierst, reduzieren? Auf vielen Seiten hämmerst Du die Entmythologisierung der Anthroposophie dem Leser ein und hörst damit nicht auf, auch wenn der schon am Ersticken ist.


Reicht diese eingedampfte Neo-Anthroposophie wirklich aus für die Einführung des Einweihungsprinzips in die Zivilisation, für den nächsten Schritt der Bewußtseinsevolution? Für den Abstieg? Ob das total allgemeine Super-Maximal-Bewußtsein die Keimkraft entbindet, die man braucht für Schulen, Arztpraxen, Liebesbeziehungen und individuelle Transformation? Ob wir heute soviel Spiritualität in uns tragen, dass wir ihre jeweilige Konkretion ganz aus uns selbst erzeugen können? Irgendwie ist Dir bei Deiner Dekonstruktion der Anthroposophie das Mysterium zwischen den Fingern zerronnen. Jedenfalls hab ich’s nicht mehr gefunden.

Ja, mir ist es auf den letzten 50 Seiten zu viel. Weniger wäre mehr gewesen, finde ich, viel mehr. Aber ich weiß natürlich auch, dass es Leute gibt, die Dir bis zum letzten Satz begeistert folgen. Allerdings auch solche, die Dich schon auf’s blaue Sofa nicht mehr begleiten. So oder so.

Von der Lektüre Deines Buches geht ein gewaltiger Modernisierungsschub aus. Irgendwie war man bisher wohl hoffnungslos naiv gegenüber der Anthroposophie. Du hämmerst einen da heraus, vertreibst einen aus dem Anthroposophen-Paradies. Und das ist – auch wenn man Deine Standpunkte nicht teilen möchte – irreversibel. War das die Mission Deines Buches? Dann hast Du sie erfüllt.

Bleib mir gewogen!
Herzliche Grüße!
Anna-Katharina

(Die Rezension von Anna-Katharina DEHMELT erschien erstmalig in der einzigen anthroposophischen WochensZeitschrift "Das Goetheanum" Anna-Katharina Dehmelt ist Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.)